Abschied


3. April 2013

 

Harriet Modler

Im Wartezimmer

sehe ich bleiche Haut,

gestaut.

Starre Körper aufgereiht,

ich empfange Bewegungslosigkeit.

Bin ich bei einem Richter?

Ein Urteil schwebt im Raum,

ich ahne das Gewicht,

sah es im Traum.

Das ›Jüngste Gericht‹

spricht:

Zeig dein Gesicht!

Ich öffne es nicht,

mein Hirn vibriert.

Schon werde ich geschoren,

bin ich verloren?

Ich sehe die Spritze,

bin zentriert,

Gedankenblitze.

Niemand wird mich mehr erkennen,

beginne visualisierend zu rennen,

kilometerweit,

wie viel Zeit

mir noch bleibt?

Ein Jahr noch vielleicht,

ein Glas wird gereicht.

Ich trinke,

sehe die Dämmerung,

versinke

im Himmel.

Menschen geben

alles

für ihr Leben.

Und ich?

Ich warte auf mich.

Reißende Stille.

Die erhobene Stimme meldet sich wieder:

Du singst noch nicht unsere Lieder!

Zarter Wille

steigt in mir hoch.

Meine Schreie höre nur ich,

der Schall bricht das Licht.

Grausige Wärme,

einen Augenblick

halte ich sie aus.

Gehe hinaus,

leere Augen folgen,

umarmt werde ich vom lauen Wind,

der schenkt mir die Ruh’ -

leise fällt die Tür zu.